Faktensammlung

Theater und Darstellendes Spiel in Brandenburger Schulen – Erfolgsgeschichte und Problembeispiel

Ein Faktenangebot

° Theater (SEK I)/ Darstellendes Spiel (SEK II) ist in der Begrifflichkeit von MBJS und LIBRA (Landesinstitut Brandenburg für Schule und Lehrkräftebildung) ein sog. „klei­nes Fach“, das aber, wenn es ange­bo­ten wird, bei Schülerinnen und Schülern große Anerkennung genießt

° ob eine Schülerin o. ein Schüler es erpro­ben kann, ist vom Angebot der jewei­li­gen Schule, ggf. auch der Zustimmung des jewei­li­gen Schulamts abhän­gig: lt. schul­recht­li­chen Festlegungen kann es in der Primarstufe als Neigungsfach belegt werden, in der Sekundarstufe I als Wahlpflichtfach unter bestimm­ten schul­spe­zi­fi­schen Bedingungen, in der Sekundarstufe II kann es Wahlpflichtkurs sein im Kanon der ande­ren beiden künst­le­ri­schen Fächer Musik und Kunst

° Bedingung, auch für die mitt­ler­weile brei­tere Entscheidung, das Fach Darstellendes Spiel als münd­li­ches Abiturfach zu wählen: mindes­tens zwei ausge­bil­dete Fachlehrkräfte bei Abnahme der häufig (sehr span­nen­den mehr­stün­di­gen Gruppen-)Prüfungen

° Problem: die Ende der 90er Jahre zwei Durchgänge eines jeweils zwei­jäh­ri­gen, vom MBJS verant­wor­te­ten und vom bei der Universität Potsdam ange­sie­del­ten WiB e.V. durch­ge­führ­ten Sonderstudienprogramms entlie­ßen 86 Lehrkräfte für Darstellendes Spiel, im weite­ren Verlauf auch Gewinn von DS-Lehrkräften durch das Berliner Weiterbildungsangebot der UdK Berlin/ jedoch: Angebot wird in den 2000er Jahren (aufgrund des hohen Andrangs Berliner Lehrkräfte) für Brandenburger geschlossen

° Folge: die 1993 in Oranienburg gegrün­dete Brandenburgische Landesarbeitsgemeinschaft für darstel­len­des Spiel in der Schule (heute: Brandenburgische Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e. V./ BLAG.TiS), der Fachverband der Theaterlehrkräfte, erkennt in ihrer Mitgliederarbeit, in Fortbildungen, Workshops, bei Aufführungsbesuchen usw. das immer stär­kere Fehlen von Fachlehrkräften, stellt dazu 2017 eine Kleine Anfrage an die Landesregierung  und signa­li­siert das Problem regel­mä­ßig dem MBJS — Bitte und Forderung: Neuauflage eines Studiengangs für thea­tra­les Gestalten in Schule, dabei Erarbeiten und Erbringen zahl­rei­cher Begleitmaterialien und Vorschläge

°  eine weitere Ermutigung zum fach­li­chen Engagement  für das Schulfach Theater war 2013 bis 2015 die Erarbeitung eines ersten gemein­sa­men berlin-bran­den­bur­gi­schen Rahmenlehrplans Theater 7–10 mit dem nach­fol­gen­den mehr­jäh­ri­gen Implementierungsprozess

→ Die beiden Fachverbände, der Berliner und der Brandenburger, hatten auch vor der Rahmenlehrplanarbeit, bereits inten­sive Kontakte auf Arbeits- und Freundschaftsebene, aber im Ergebnis der zwei­jäh­ri­gen Arbeit mit Fachaufsicht und fach­wis­sen­schaft­li­cher Begleitung wurde ein echtes Arbeitsinstrument für den Unterricht geschaf­fen: fach­lich modern auf hohem Niveau und hand­hab­bar für den Unterrichtsalltag und jede Lehrkraft.

→ Danach ist Theater/Darstellendes Spiel in Brandenburg das einzige Unterrichtsfach, bei dem die Kompetenz Empathie entwi­ckeln  wesent­li­cher Rahmenlehrplan- und Unterrichtsbestandteil ist!

° ein weite­rer Höhepunkt: 2017 orga­ni­siert das Team von BLAG.TiS größ­ten­teils über die ehren­amt­li­che Arbeit seiner Lehrkräfte sehr erfolg­reich das Schultheater der Länder (SDL), das größte Schultheaterfestival Europas in Potsdam, das in sechs Tagen die Vielfalt von Schultheater aller Schulformen und Schulstufen aus allen 16 deut­schen Bundesländern in hoher Qualität präsen­tiert, in jenem Jahr zum Thema Film

→ Brandenburg als einla­den­des Bundesland schafft mit der Eröffnungsinszenierung der Förderschule Mittenwalde „Zur golde­nen Kamera“ gleich auch ein Highlight des Festivals

→ seine hoch­ka­rä­tige Fachtagung, u.a. mit Volker Schlöndorff, die 22 span­nen­den Schülerworkshops, das neue, inspi­rie­rende Format der Schülernachbesprechungen u. die witzi­gen und bele­ben­den Freizeitaktivitäten (bei denen z. B. der Austragungsort des Hans-Otto-Theaters von einer Riesenkette der Teilnehmenden „umarmt“ wurde) gehen in die Annalen des SDL ein

° 2022 ist es dann endlich nach zahl­rei­chen weite­ren Bemühungen und Vorarbeiten soweit: beim WiB e. V. star­tet für 15 Studierende ein neuer Studiengang Theater/Darstellendes Spiel, BLAG.TiS wirbt die Studierenden, aller­dings für eine Weiterbildung unter deut­lich schlech­te­ren Rahmenbedingungen als vormals in den 90er Jahren: 1 ½ Jahre Studium jeweils nach dem Unterricht frei­tags und sams­tags + hohe Semestergebühren/ doch auch dieser Studiengang über­zeugt wie sein Vorläufer in der 90er Jahren, die Studierenden sind begeis­tert von den Studieneinheiten und dem gran­dio­sen praxis­ori­en­tier­ten Input der Dozenten, hervor­ra­gende Fachkräfte, die einen Namen in der „Szene“ haben, viele davon akade­mi­sches Personal der UdK, alle Studierenden schlie­ßen mit dem Zertifikat ab/ 2025 beginnt ein weite­rer Studiengang mit einer größe­ren Zahl Studierender

° Fachverband BLAG.TiS e.V. hat, Stand November 2025, 64 Mitglieder/ es gibt die gut gepflegte Homepage (https://www.schultheater-bb.de), eine Postadresse (Brandenburgische Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e. V., c/o Soziokreatives R/Zentrum Dortustraße 46
14467 Potsdam) die Mailadresse (post@schultheater-bb.de)/einmal im Jahr Vollversammlung/ inten­sive Arbeit im Vorstand und auch (neuer) junger Verbandsmitglieder, aber auch Probleme, z. B. aufgrund der Flächenstruktur Brandenburgs/ ande­rer­seits: fach­spe­zi­fisch für Theater/Darstellendes Spiel ist ein beson­ders star­ker fach- und auch schul‑, in Brandenburg zudem orts­über­grei­fen­der Austausch: Kolleginnen und Kollegen besu­chen sich zu Aufführungen, infor­mie­ren darüber, tauschen Erfahrungen o. Materialien, Requisiten usw./ man kennt sich zudem von Fortbildungen, Workshops, Theatertreffen: da dort fach­spe­zi­fisch in der Regel prak­tisch gear­bei­tet wird, ist der Wiedererkennungseffekt (wenn man z. B. mit jeman­dem wilde Körpereskapaden erprobt hat) gemein­hin größer als infolge einer klas­si­schen Lehrerfortbildung

° Doppelbezeichnung für das Fach (Theater vs. Darstellendes Spiel) hat „histo­ri­sche“ Gründe: 

Als das Fach in der alten Bundesrepublik in die Gruppe der ande­ren beiden künst­le­ri­schen Fächer Musik und Kunst vorstieß, wollte man seinen schu­lisch-pädago­gi­schen Charakter betonen. 

Heute sieht man durch die mitt­ler­weile lange Tradition des Fachs und die Forschung daran: 

Das Fach verdient die Bezeichnung Theater → „Theaterspielen ist zugleich künst­le­ri­sche wie auch soziale Praxis.“ lautet der erste Satz des Rahmenlehrplans Theater 7–10  und der gesamte Plan ist geprägt durch die zwei Bereiche thea­ter­äs­the­ti­sches Gestalten und sozi­al­kom­pe­ten­tes Handeln, in denen es um Kompetenzerwerb geht

→ bei der Entwicklung der neuen Rahmenlehrpläne SEK I erhielt das Fach die neue Fachbezeichnung Theater

→ in der Sekundarstufe II wird die Fachbezeichnung Darstellendes Spiel auch deshalb beibe­hal­ten, weil nach wie vor bundes­weit die EPA (Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung für Darstellendes Spiel von 2006) gilt, obwohl bereits seit mehre­ren Jahren und auch aktu­ell gravie­rende Aktivitäten zur Veränderung und Erneuerung existieren

° Theaterunterricht ist im Unterschied zum Unterricht aller ande­ren Fächer Projektunterricht1, außer­dem gilt: „In der Entscheidung für eine Ausgangsfrage, einen Stoff, ein Thema und für verwen­dete Materialien und Spielformen ist Theater auf das Zusammenspiel einer Gruppe ange­wie­sen. Voraussetzung für das Gelingen ist es, dass Vorschläge und Lösungen ausge­han­delt werden.“2 → Fach übt in beson­de­rem Maße „Demokratiefähigkeit3

→ jede Unterrichtseinheit, in SEK I wie SEK II, beginnt in der Regel mit einem Warm up4

° zwei Fachberaterinnen, haben neben ihrer eige­nen enga­gier­ten Unterrichts‑, AG- und z. T. auch Vorstandsarbeit landes­weit anspruchs­volle, immer wieder neue und auch auf die Wünsche der Lehrkräfte zuge­schnit­tene Fortbildungen ange­bo­ten – im gesam­ten Land Brandenburg/ auch indi­vi­du­el­les Coaching/ beide gehen am Ende des Schuljahres in den Ruhestand/ es gibt eine Bewerbung aus den eige­nen Reihen

° ein Begleitergebnis des Sonderstudienprogramms der 90er Jahre mit seinem hervor­ra­gen­den Praxis-Input war die Sommerakademie, eine in Eigeninitiative von BLAG.TiS entwi­ckelte anfäng­lich   5‑tägige, heute 4‑tägige Theaterfortbildung am Anfang der Sommerferien für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Erzieherinnen und Erzieher, Studierende im LISUM, heute LIBRA:

Workshops orien­tie­ren sich wiederum am Thema des kommen­den SDL/ Biografien und Angebote der Workshopleitenden in die Abendgestaltung einbe­zo­gen ebenso wie die Bedingungen vor Ort/ Nutzung eines Abends für ein regio­na­les Kulturangebot/ auch Werbung für unse­ren Fachverband/ Qualität der Workshops ist mitt­ler­weile ebenso legen­där wie die Atmosphäre dieser Tage

Nun also:

° Landestheatertreffen dienen in allen Bundesländern der Begegnung spiel‑, gestal­tungs- und thea­ter­be­geis­ter­ter Schülerinnen und Schüler/ ihre Geschichte beginnt in Brandenburg mit dem ersten Treffen 1994 in Oranienburg/ Organisation ist immer abhän­gig von regio­na­len schul­thea­ter­spe­zi­fi­schen „Hotspots“ (z. B. Frankfurt/O., Schwedt, Potsdam), von Organisations- und Finanzierungsmöglichkeiten, von Örtlichkeiten/ Regelmäßigkeit in der Abfolge wird ange­strebt, aber nicht immer erreicht/ seit 2019 Potsdam, Treffpunkt Freizeit als Austragungsort des LTT 

° Was verleiht dem Potsdamer Landestheatertreffen Strahlkraft über den schein­bar begrenz­ten Kreis seiner betei­lig­ten thea­ter­be­geis­ter­ten Kinder und Jugendlichen hinaus?

→ seit 2007 über­nimmt das Brandenburger Festival die Schwerpunkte der Themen des Bundesfestivals und strebt damit eine Vorbereitung poten­ti­el­ler Bewerbergruppen und eine leben­dige Fokussierung der Lehrenden an

→ von BLAG.TiS ist eine thema­ti­sche Ausschreibung an die Schulen und die Fachverbandsmitglieder ergangen

→ eine Jury hat aus den Bewerbungen (Proben-Video, Wortbeschreibung) sechs Gruppen ausge­wählt, die am gesam­ten LTT teilnehmen/  zwei weitere Bewerbergruppen werden in einem Gastspielformat präsen­tie­ren, es gibt ein drit­tes Gastspielformat in derfabrik Potsdam

feier­li­che Eröffnungsveranstaltung mit Auftritt der Big Band des Gymnasiums Hermannswerder, einem Moderatoren-Duo, der (tänze­ri­schen) Vorstellung der betei­lig­ten Gruppen (aus dem Publikum heraus), wir hoffen auf eine Grußadresse des Bildungsministers, der ja Schirmherr des Treffens ist …

→ ein Tag des Treffens ist durch Schülerworkshops geprägt, die mit dem Thema „be the move“/Bewegen(d) korrespondieren

→ Spielgruppen von außer­halb sind in der Jugendherberge Babelsberg untergebracht

Schüler-‚Angels‘ vom Potsdamer Humboldt-Gymnasium beglei­ten die Gäste auf ihren Wegen und bera­ten sie auch ggf.

→ für alle Aufführungen freuen wir uns über weite­res Publikum aus Potsdam und Umgebung und laden dazu herz­lich ein: Brief über das Pädagogische Zentrum Potsdam an alle Potsdamer Schulen/ Karten online über https://tickets.schultheater-bb.de/ Einzelkarten auch noch vor Ort möglich

→ (weitere) Highlights: Abendaufführungen/ Speed-Dating: ein Come-toge­ther für die Ankommenden/ ein Abschlussfoto in der fabrik Potsdam für alle Teilnehmenden/ der Abschlussfilm

→ die teil­neh­men­den Schülerinnen und Schüler erle­ben inter­es­sante Feedbackformate, bei denen einer­seits das Publikum auf großen Rollen gleich nach der Aufführung spon­tane erste Eindrücke notiert und zudem jeweils zwei Gruppen ein Tandem bilden und in ihren Nachbesprechungsrunden als Gespräch unter Freunden ihre Perspektive auf die jewei­lige Stückgestaltung austauschen/ die Rollen nehmen die Gruppen als Erinnerungsstücke nach dem Festival mit nach Hause

→ auch für die beglei­ten­den Lehrkräfte und das Publikum gibt es Nachbesprechungs-und Feedbackrunden

→ ein Kollege vom OSZ Technik Teltow beglei­tet mit Auszubildenden das Treffen tech­nisch und filmisch: Videovorführungenfesti­val­be­glei­tend, Film zur Abschlussveranstaltung

Im Übrigen: All dies geschieht natür­lich ehren­amt­lich und „on top“. Ist auch in Ordnung für ein tolles Fach mit seinen Schülerinnen und Schülern und Kolleginnen und Kollegen. Aber manch­mal wünsch­ten wir uns – wie natür­lich alle ande­ren auch – naja, man wird ja mal träu­men dürfen … 

(K. Hetmann)

Rahmenlehrplan Theater Wahlpflichtfach 7–10, 2015. S. 6 siehe Projektorientierung

2, 3 Ebd. S. 3

Ebd. S. 23 siehe Planung einer Unterrichtseinheit